Auf dem Maultier-Rücken hinauf zur Riederalp

Nach einer strapaziösen Eisenbahnfahrt durch den halben europäischen Kontinent traf Sir Ernest Cassel mit Damen, Kindern, älteren Gentlemen und seinen Bediensteten im Juli 1895 in Brig im Wallis ein.

Eine beschwerliche Reise
In Brig standen die Pferdekutschen bereit, welche die Herrschaften bis nach Mörel brachten. Dort endeten damals alle noch halbwegs als komfortabel zu nennenden Reisemöglichkeiten. Mitsamt dutzenden von Koffern, Packkörben und Hutschachteln wechselt die englische Gesellschaft jetzt auf den Rücken von Maultieren, was allemal besser war, als den Aufstieg zu Fuss auf sich zu nehmen.

Welten prallen aufeinander
Es verwundert nicht zu hören, dass der verwöhnten englischen Gesellschaft das einfache Leben im Hotel «Riederfurka» nicht besonders behagte. Das Nachtessen mussten sie zusammen mit lauter wildfremden Menschen an einem groben Holztisch einnehmen, und am nächsten Morgen wurden sie viel zu früh zum Frühstück geweckt. Schon am zweiten Tag beschloss Sir Ernest Cassel abzureisen.

Seinem Arzt gab Sir Cassel das folgende Telegramm nach London auf: «Hotel unmöglich, schlagen Sie etwas anderes vor. Cassel.» Seine Antwort kam ebenso rasch wie deutlich: «Lehne ab, Sie zu behandeln, falls Sie nicht bleiben. Ankomme nächste Woche. Broadbent.»

Cassel blieb und entschied: Wenn man nun schon einmal da war, könne man wenigstens das Aletsch-Gebiet ein wenig kennenlernen. Und so staunten die Hirtenbuben der Alp nicht schlecht, als die feinen Herschaften im Aletschwald spazieren gingen, in geziemendem Abstand gefolgt von der Lakaienschar, die das für die unverzichtbaren Teepausen nötige Kleingerät wie Tische, Stühle, Picknickkörbe, Sonnenschirme und so weiter mitschleppten.

Liebe auf den zweiten Blick
Ob es die ärztliche Autorität war oder ob Cassel nach etwas Zeit zur Gewöhnung doch den vielfältigen Reizen der Landschaft, des Aletschwaldes und des Grossen Aletschgletschers erlag, wissen wir nicht. Aber er kam regelmässig wieder, nicht ohne sich schon bald nach einem Bauplatz für ein Anwesen umzuschauen, das ihm und seinen Gästen eine standesgemässe Unterkunft bieten konnte.

Da Sir Cassel sich um die armen Berggemeinden von Ried und Betten durch grosszügige Spenden für den Bau von Gemeindeschulen verdient gemacht hatte, bekam er als Zeichen der Dankbarkeit auf der Riederfurka ein Grundstück von 13.000 Quadratmetern Alp-Boden zugesprochen, nur wenige Schritte von seinem einst so ungeliebten Hotel «Riederfurka» entfernt. Damit war auch der Grundstein für die zukünftige Villa Cassel gelegt...