Die Fachwerk-Villa auf der Riederfurka entsteht

Im Sommer 1899 fanden die wichtigsten Besprechungen für den Bau der geplanten Sommerresidenz hoch oben auf der Riederfurka statt.

Der Fünfliber im Kuhfladen
Dem Stilempfinden der Zeit und vielleicht auch dem viktorianisch geprägten Geschmack seines Bauherrn entsprechend entwarf der Architekt von Cassel ein Herrschaftshaus, das durch ein feinteiliges Bretterwerk an der Fassade seinen Fachwerkcharakter erhielt, und das -wie der Rieder Pfarrer Ignaz Seiler gerne feststellte- «so gut in die Landschaft passt wie ein Fünfliber in einen Kuhfladen».

Von harten Bauarbeiten ...
Unmittelbar danach wurde mit den Transporten des Baumaterials begonnen. Die Bauern waren froh um die seltene Gelegenheit, sich durch diesen Transport von Mörel auf die Riederfurka etwas Bargeld zu verdienen. Pro Zementsack erhielten die Bauern etwa zwei Franken, ein sauer verdientes Geld, wenn man bedenkt, dass der Aufstieg von rund 1200 Höhenmetern schon ohne Gepäck drei bis vier Stunden dauert. Oder wenn man sich den Transport des von Sir Cassel bestellten Klavieres aus dem Rhonetal hinauf in die Villa vergegenwärtigt: Vier Ablösungen zu je vier Mann quälten sich zwei volle Tage ab, bevor der Inbegriff elitärer Salonromantik an seinem Platz stand.

Lediglich Steine und Holz stammten aus der nahen Umgebung. Während man die Steine ganz nah unterhalb der Riederfurka brach, wurde das Holz aus dem unterhalb des Aletschwaldes gelegenen Teiffwald geholt. Eine Weile bediente man sich des Kalkmörtels aus den Kalköfen am Rande des Aletschgletschers, der aber bald durch höherwertigen Zement aus dem Rhonetal ersetzt wurde.

... bis zum puren Luxus
Im Untergeschoss erhielten Küche, Weinkeller, Speisekammer, Werkstatt und Wirtschaftsräume ihren Platz. Im Erdgeschoss befanden sich neben dem Speisesaal, Salon und Fumoir auch Sir Cassels «Bureau», während das erste und zweite Geschoss die grosszügigen Schlafgemächer der Familie Cassel und ihrer Gäste beherbergten. Ganz oben im Dachstock schliesslich, welcher nur über eine enge Dienstbotentreppe zu erreichen war, lagen die einfachen Kammern für Diener, Zofen und Hauspersonal. Die geschwungene und breite Treppe im Turm der Villa verband das Erdgeschoss mit dem ersten und zweiten Stock, und war ausschliesslich Familie Cassel und ihren Gästen vorbehalten.

Auch die Innenausstattung der Räume war sehr edel: Prächtige Parkettböden, kasettierte Decken mit feinsäuberlich aufgemalter Holzmarmorierung sowie wertvolle Stofftapeten wurden ergänzt durch Möbel aus Genf und Hausrat aus ganz Mitteleuropa. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie der Lebenswandel der hier residierenden Herrschaften aussah...